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Wieso Tiefsee-Bergbau unsere Meere bedroht
Absolute Dunkelheit, hoher Druck und Wassertemperaturen, die nahe dem Gefrierpunkt sind: Die Tiefsee ist ein faszinierender Ort, der bisher kaum erforscht ist. Doch ihre mineralischen Rohstoffe sind längst ins Visier von Staaten und Unternehmen gerückt. Wir klären die wichtigsten Fragen rund um den Tiefsee-Bergbau.
Was ist die Tiefsee und warum ist sie für die Meere wichtig?
Als Tiefsee bezeichnet man den Bereich ab mindestens 200 bis 800 Metern Meerestiefe, der sich vom Festlandsockel abwärts erstreckt. Die Tiefsee umfasst rund 54 Prozent der Erdoberfläche und bildet mit der darüberliegenden Wassersäule und den vielen verschiedenen Lebensräumen am Meeresboden das größte Ökosystem der Erde. Es ist gekennzeichnet durch absolute Dunkelheit, Kälte und einen sehr hohen Druck.
Unter diesen Bedingungen haben sich dennoch unzählige, hoch spezialisierte Arten entwickelt. Sie ernähren sich von abgestorbenem organischen Material, das zu Boden sinkt oder auch in Symbiose mit Bakterien. Viele Arten haben spezielle Anpassungen an die Dunkelheit entwickelt, wie zum Beispiel die Biolumineszenz (Erzeugung von Licht), um Beute oder potentielle Geschlechtspartner:innen anzulocken. Das Tiefsee-Ökosystem stellt einen zentralen Teil der Nahrungsnetze im Meer dar – hier jagen Wale und große Fische nach ihrer Beute – sie sind daher essentiell für das gesamte Leben in den Ozeanen. Außerdem sind Ökosysteme in der Tiefsee wichtige CO2-Senken und sie sind damit für die globale Klimaregulierung unerlässlich.
Warum sollen in der Tiefsee Rohstoffe abgebaut werden?
Mit dem zunehmenden Bedarf an Rohstoffen und Edelmetallen, insbesondere für IT-Technologien und -Produkte, sind in den letzten Jahren auch die marinen mineralischen Rohstoffe in der Tiefsee ins Visier von Staaten und Unternehmen gerückt. Dabei geht es um Manganknollen, die in den Tiefseeebenen vorkommen, kobalthaltige Krusten an den Hängen von Seebergen und polymetallische Sulfide, die sich rund um Hydrothermalquellen am Meeresboden in mehreren tausend Metern Wassertiefe ablagert.
Bereits heute sind von der Internationalen Meeresbodenbehörde (International Seabed Authority, ISA) zahlreiche Lizenzen zur Erkundung dieser Rohstoffe auf einer Fläche von mehr als 1,5 Millionen Quadratkilometern an einzelne Staaten vergeben worden. Ein kommerzieller Abbau dieser Ressourcen hat bisher aber noch nicht begonnen, da sich die 168 Mitglieder der ISA (167 Mitgliedsstaaten und die Europäische Union) vorerst noch auf ein entsprechendes Regelwerk einigen müssen. Die Verhandlungen dazu laufen, und einige Staaten und Unternehmen machen Druck, diese zügig abzuschließen.

Warum ist Tiefseebergbau gefährlich für das Ökosystem?
Ein großflächiger Abbau dieser Rohstoffe in den bisher fast unberührten Tiefen der Ozeane hätte nach Einschätzung der Wissenschaft erhebliche und zum Teil unkalkulierbare Auswirkungen auf die sensiblen Lebensräume und Artenvielfalt. Neben der direkten Zerstörung von Lebensräumen könnten beim Tiefseebergbau Schlamm aufgewirbelt werden, der dann Jahrelang in der Wassersäule verbleibt und auch giftige Chemikalien und Abfallprodukte ins Meer gelangen. Zugleich würde eine zusätzliche Lärmbelastung für besonders sensible Lebewesen erzeugt. Dazu kommen potenziell negative Folgen für die Fischerei und zukünftige wissenschaftliche Entdeckungen.
Die Tiefsee beherbergt eine Vielzahl empfindlicher Ökosysteme und eine außerordentliche Artenvielfalt. Mit jeder Expedition entdecken Forscher:innen dort neue Arten. Daher fordert der WWF – gemeinsam mit zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftler:innen und zunehmend auch Staaten und Akteur:innen aus der Wirtschaft – ein Moratorium, eine vorsorgliche Pause oder ein Verbot für den kommerziellen Tiefseebergbau bis alle Auswirkungen auf die Meeresumwelt wissenschaftlich bekannt sind. Ein solches Moratorium muss wirksam sein, bis unter anderem sichergestellt ist, dass Tiefseebergbauaktivitäten in einer Art und Weise durchgeführt werden können, die einen effektiven Schutz der Meeresumwelt gewährleistet und einen Verlust an biologischer Vielfalt in der Tiefsee verhindert.
Ist es für die Energiewende notwendig, Metalle aus der Tiefsee zu bergen?
Basierend auf zahlreichen wissenschaftlichen Studien ist der Tiefseebergbau für die Energiewende und das Erreichen der Klimaziele nicht zwingend notwendig. Denn die Rohstoffe können auch in einem zirkulären WIrtschaftssystem mit Recycling und mit zielgerichteter Bedarfsreduktion erreicht werden.
Was verhandelt die Meeresbodenbehörde (ISA) im Juli 2025?
Das Treffen der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) in Kingston, Jamaika, beschäftigt sich mit der Regulierung des Tiefseebergbaus und der möglichen Aufnahme von kommerziellem Tiefseebergbau. Bisher haben sich 32 von 168 Staaten gegen die Genehmigung von weiteren Tiefseebergbauanträgen ausgesprochen, sofern es noch kein Regelwerk gibt, das den effektiven Schutz der Meeresumwelt gewährleistet. Auch Österreich ist zu diesem Treffen eingeladen.
Was fordert der WWF?
Zum Start der Tagung des Rates der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) fordert der WWF die verhandelnden Regierungen auf, den Tiefseebergbau zu stoppen – aufgrund seiner schwerwiegenden Risiken für die biologische Vielfalt der Meere, die Klimaregulierung und die nachhaltige Entwicklung. Ein WWF-Bericht zeigt auf, dass der Tiefseebergbau die globalen Verpflichtungen im Rahmen des Weltnaturabkommens und der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen massiv untergraben würde. Der WWF-Bericht warnt davor, dass eine Genehmigung des kommerziellen Tiefseebergbaus insgesamt 18 der 23 Ziele des Biodiversitätsabkommens und 16 der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele aushebeln würde.
Der WWF setzt sich für ein wissenschaftlich fundiertes Moratorium bei der Internationalen Meeresbodenbehörde ein. Die Regierungen sind aufgefordert, das Vorsorgeprinzip zu wahren und irreversible Schäden in der Tiefsee zu verhindern. Denn die mangelnde Transparenz der rechtlichen Rahmenbedingungen in Verbindung mit den begrenzten wissenschaftlichen Kenntnissen über die Ökosysteme der Tiefsee macht die Fortsetzung des Tiefseebergbaus zu einem riskanten Unterfangen. Der Rohstoffabbau in der Tiefe darf erst genehmigt werden, wenn bewiesen ist, dass er in einer Weise betrieben werden kann, die die Meeresumwelt nicht gefährdet. Bis dahin ist ein weltweites Moratorium für den Tiefseebergbau erforderlich.
Fakten
- Den Bereich, der sich 200 bis 800 Meter vom Festlandsockel abwärts erstreckt, nennt man Tiefsee.
- Das Tiefsee-Ökosystem stellt einen zentralen Teil der Nahrungsnetze im Meer dar.
- Zudem sind Ökosysteme in der Tiefsee wichtige CO2-Senken und damit für die globale Klimaregulierung unerlässlich.